Montag, 9. November 2015

Gero


Nach einer entspannten Uniwoche beginnt mein Wochenende damit, dass ich einer Einladung von Masayuki, dem Tutor aus meinem Labor, nachkomme und mich am Samstagmorgen zu einem Parkplatz unweit des Campus aufmache. Dort versammeln sich auch schon die anderen Bachelor- und Masterstudenten des Labors, insgesamt 15 an der Zahl, alle mehr oder weniger wach. Ich bin eingeladen worden, mit auf einen Ausflug nach Gero zu kommen, einer der bekanntesten Städte in der Region um Nagoya in Bezug auf Onsen, heiße Quellen, in denen gebadet wird. (Für den Fall, dass der Stadtname einmal ohne ausreichenden Kontext gegenüber einem japanischen Muttersprachler benutzt werden sollte, sei gesagt dass Gero auch als speien oder kotzen übersetzt werden kann.) In einer Kolonne von vier Autos machen wir uns auf den Weg über den japanischen “Expressway“, zwei Spuren mit 80km/h als Höchstgeschwindigkeit mögen individuell beurteilt werden. Die Zeit nutzen wir zum einen, um uns über das japanische und deutsche Straßenwesen auszutauschen - es gibt in Japan separate Führerscheine für Automatik und manuelle Getriebe - und zum anderen bekomme ich einige neue Vokabeln beigebracht, manche mehr, manche weniger für den Alltag geeignet. Nach ca. einer Stunde legen wir in den Bergen einen Zwischenstopp ein.
Obwohl es schon Anfang November ist, haben die Bäume auf den Berghängen noch ihre vollständige Laubkrone, welche langsam anfängt, sich gelb und rot zu färben. Um das nach der Kirschblüte vermutlich zweitbeliebteste Naturschauspiel der Japaner, die Herbstfarben zu betrachten, sind wir allerdings nur sekundär hierhergekommen. Erste Priorität hat ein Wasserfall, den wir nach dem Überqueren einiger Leichtbauhängebrücken - betreten mit mehr als drei Personen ist untersagt - erreichen. Der Anblick ist absolut umwerfend, das herabstürzende Wasser ist kristallklar, in den tieferen Stellen des Flussverlaufes färbt es sich leuchtend türkis. Meine Bewunderung zum Ausdruck gebracht, entgegnet mir Masayuki, dass dies jedoch erst der „Vorwasserfall“ ist, der Hauptwasserfall befindet sich erst hinter der nächsten Kurve. Zwar ist dieser nicht höher, jedoch ergießt sich in ihm durch weitere Zuflüsse nochmals ein größerer Schwall an Wasser. Wir schlendern noch etwas entlang der vielen kleinen Bäche und Flüsse durch das Tal, bevor wir, strickt den Zeitplan einhaltend, die Fahrt fortsetzten. Angekommen in Gero gehen wir gleich ins Onsen, welches sich in einem Hotel befindet, wases nicht unüblich ist. Dabei gehört das Onsen zu jenen Dingen der japanischen Kultur, vor deren Fettnäpfchenpotenzial im Vorfeld einer Japanreise besonders gewarnt wird. Vor der zu kurzen Zeitdauer des Waschens bevor das Becken betreten wird, sowie dessen Berührung durch ein potenziell verschmutztes Handtuch, wird eindringlich abgeraten. Letztlich alles Panikmache, einfach gucken was die anderen machen und auch im Onsen gilt immer noch der Gaikokujin-Bonus. Zum Waschen wird sich lediglich auf einen kleinen Holzhocker gesetzt, Shampoo und Seife werden in Japan auch nicht anders benutzt als in Deutschland. Vor dem Betreten des Beckens bin ich gespannt, wie warm es denn wirklich sein mag, zwischen 41 und 43 Grad meinen die Kommilitonen, eigentlich nicht viel mehr als der Whirlpool in unseren heimischen Schwimmhallen denke ich und so fühlt es sich dann auch erst einmal an. Nach fünf Minuten macht es sich dann jedoch bemerkbar, dass der Körper schnell aufwärmt und es empfiehlt sich, zumindest mit dem Oberkörper einmal das Becken zu verlassen. Am Ende eine äußerst nette kulturelle Erfahrung, jedoch bleiben heiße Orte (26 Grad plus) auf Dauer meiner Favoritenliste fern. Nach einem kleinen Mittagessen im Hotelrestaurant, zu dem es ein sehr kräftig gewürztes Curry gab, erkunden wir noch etwas die Stadt. Dabei scherzen die Jungs aus dem Labor, wie schon zuvor auf der gesamten Fahrt, ununterbrochen über sich und alles Mögliche, am Alkohol hat es bei meiner Willkommensparty vor einigen Wochen also nicht gelegen. Quasi als Nachtisch gibt es in der Stadt noch ein Eis von der speziellen, japanischen Sorte. An sich ist es mit nur drei Komponenten recht schlicht gehalten, Softeis auf Cornflakes, nur das Topping aus einem halb gekochten Ei fügt etwas besonderes hinzu. Der Geschmack überrascht jedoch positiv. Das Eiweiß zusammen mit dem Eis schmeckt bestens, nur das Eigelb ist ein wenig dominanter, aber keineswegs eklig. Nachdem wir unseren Spaziergang durch Gero gemütlich beendet haben, geht es auf die Rückfahrt. Diesmal mit der kostengünstigen Variante über die Landstraße, da auf den privatisierten Highways Maut anfällt, für Ausländer und Japaner. Zwischendurch werden die Straßen allerdings etwas ländlicher und abenteuerlicher, als ich es erwartet hätte. Die Fahrbahn verengt sich auf einem in Dunkelheit gehüllten Waldabschnitt mehr und mehr, bis sie nur noch einspurig ist. Auf Verkehrsschildern wird vor jeder Kurve darauf hingewiesen besser zu hupen, da selbst bei gutem Reaktionsvermögen ein Ausweichen durch den dichten Wald 20 cm links und rechts der Straße, welche mittlerweile nur noch anderthalb Meter breit ist, nicht möglich wäre. Einige Male müssen wir zurücksetzten, um eine Stelle zu finden, an der wir den entgegenkommenden Verkehr passieren können. Schließlich kommen wir jedoch wohlbehalten in Nagoya an. Es war wieder ein äußerst fröhliches und auch lehrreiches Erlebnis mit den Jungs aus dem Labor.

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