Eigentlich laufen alle meine Vorlesungen ja schon seit gut einem Monat, alle Vorlesungen? Nicht ganz, die Vorlesung „Introduction to Civil Engineering and Architecture“ beginnt erst an diesem Freitag. Der Grund lässt sich darin finden, dass die Vorlesung vorranging aus Exkursionen besteht, die dann auch mal etwas länger als 90 Minuten dauern können, sodass nicht jede Woche Unterricht ist. Insbesondere mit Blick auf den zweiten Bestandteil, Architecture, bin ich auf die Vorlesung gespannt, da mich gelegentlich immer noch der Gedanke umtreibt, was denn wohl aus mir geworden wäre, wenn ich meine letztlich zweitplatzierte Option, Architektur zu studieren, wahr gemacht hätte. Mit diesem Teil der Vorlesung beginnen wir dann auch gleich an diesem Freitagmittag, an dem wir mit gut 25 Leuten zur Burg von Nagoya fahren. An sich bin ich, wie viele der anderen Studenten auch, schon in der Burg gewesen, da sich aber dort, wie anders wo auch, die englischen Informationstafeln auf das Geringste beschränkt haben, bin ich gespannt, ob ich heute noch etwas Neues über die Architektur Japans aus dem vorindustriellen Zeitalter lernen kann. Angekommen an der Burg werden wir in drei Gruppen aufgeteilt und bekommen einen Guide zugewiesen. Wie an vielen Touristenattraktionen in Japan üblich, handelt es sich um Mitglieder eines „Senior Volunteers Clubs“, einem Verein von älteren Bewohnern der Stadt, die Führungen anbieten, die wohlbemerkt kostenlos sind. Langsam ziehen wir los über das Gelände und bekommen schon eine Vielzahl von kleinen, für uns sonst unscheinbar gebliebenen, Dingen erklärt und das auch noch in absolut verständlichem Englisch, obwohl der freundliche ältere Herr, der uns begleitet, schon bestimmt um die 70 bis 80 Jahre alt sein könnte. Der Fokus liegt am heutigen Tag aber gar nicht auf den Befestigungsanlagen der Burg, sondern auf dem „Hammaru Palast“ im Inneren. Wie auch der Rest der Burg, wurde der Palast im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört und befindet sich immer noch im Wiederaufbau, die ersten Abschnitte sind jedoch schon wieder zugänglich.
Nachdem wir den Plast betreten haben, sprudelt es aus unserm Guide dann erst so richtig heraus und ich versuche, alles aufzusaugen, was er uns unterhaltsam aber auch detailliert beschreibt. Dabei fallen mir nun auch die vielen Kleinigkeiten auf, die es im Palast zu entdecken gibt, wenn man denn nur genau hinschaut. Eines der letztlich doch auffälligsten Merkmale der Architektur des Schoin-Stils ist, dass der formale Rang, der den einzelnen Räumen zugeschrieben ist, sich je weiter erhöht, desto weiter in das Innere des Palastes vorgedrungen wird. Eine Eigenschaft der Räume, von der sich ihr Rang ablesen lässt, ist die Struktur der Decke. So fängt im Genkan, dem Eingangsbereich, die Verzierung der Decke mit zueinander parallelen Holzleisten an, später kommen noch senkrechte Leisten hinzu. Im Jodannoma, dem ranghöchsten Raum, in dem sich der Shogun aufgehalten hat, kommen schließlich noch feinere, quadratische Einsätze und ein Wandabschluss zu der Kassettierung hinzu. Außerdem bekommen wir von unserem Guide noch tiefergehende Erläuterungen zu den vielen Wandgemälden. So wurden zum Beispiel nur solche Farben und Maltechniken verwendet, die auch bei der ursprünglichen Errichtung im 17. Jahrhundert Anwendung gefunden haben. Am Ende erreiche ich den Ausgang mit guten zwei DIN-A4 Seiten an Notizen für meinen Bericht, den ich bis in zwei Wochen beim Professor abgeben muss. Ich habe also tatsächlich noch Einiges über die Burg und ihren Palast dazulernen können.
Gerade erst zurück von der Palastführung, bleibt mir nur kurz Zeit, um schnell etwas zu essen, bevor es weiter geht. Es ist zwar erst der 30. Oktober, aber trotzdem bin ich heute schon gleich zu zwei Halloween Partys eingeladen. Generell nehmen es die Japaner mit Halloween, das erst vor gut 10 Jahren so richtig den Weg über den Pazifik gefunden hat, nicht ganz so genau und feiern gleich eine gute Woche lang, dann kann das Kostüm auch mehrfach getragen werden. Gewappnet mit meiner Krümelmonstermütze, welche ich mir letzte Woche gekauft habe, und zwei Packungen Keksen mache ich mich auf zur ersten Party, zu der mich Machi, mein Tutor vom International Office, eingeladen hat. Am Eingang bekomme ich einen Bingozettel, auf dem ich zunächst für jedes Kästchen eine Frage beantworten muss, um danach Personen mit gleichen Antworten zu finden. Nette Idee, muss ich mir merken. Schnell finde ich zwei Japanerinnen, mit denen ich Blau als Lieblingsfarbe und den Besitz eines weder Apple noch Android Smartphones teile. Dann fällt mir ein Austauschstudent auf, der einen Kapuzenpulli mit dem Logo von Hannover 96 trägt. Ich spreche ihn an und muss schnell feststellen, dass ich mit Deutsch nicht weit bei ihm komme. Auf Englisch versuche ich dann zu erraten, aus welchem Land er kommt: Spanien, Portugal, … . Alles falsch, er kommt aus Aleppo, Syrien. Den Pulli hat er nur durch Zufall in Nagoya für einen guten Preis bekommen. Er studiert schon seit drei Jahren hier, also seit Beginn des Bürgerkrieges. Auf meine vorsichtige Frage, dass er es bestimmt in den letzten Jahren nicht leicht gehabt hat, erwidert er gleich, dass es Deutschland mit den vielen Flüchtlingen sicherlich auch nicht leicht hat. Erstaunt antworte ich, dass die Aufnahme der Flüchtlinge für ein reiches Land wie Deutschland kein Problem ist, nur an dessen Fähigkeit, die Vielzahl an Menschen gut in die Gesellschaft zu integrieren, äußere ich Zweifel. Auch dafür hat er Verständnis und beginnt zu erzählen, wie es war, entweder zwei, drei Monate am Stück nicht mit seinen Eltern skypen zu können, da keine Leitung nach Aleppo zur Verfügung stand, oder aber bei stehender Verbindung im Hintergrund stets Explosionsgeräusche hörbar waren. Seine Eltern würden auf diese schon gar nicht mehr reagieren, Kriegsalltag. Was er denn nach dem Ende seines Studiums im kommenden Jahr machen würde, frage ich, es müsste doch für ihn möglich sein, in Japan Asyl zu bekommen? Seine Antwort: „Ich hoffe, dass der Krieg zu Ende ist und ich dabei helfen kann, Aleppo wieder aufzubauen.“ Ich wünsche ihm, dass es so kommt. Dann ist die erste Party auch schon vorbei, um meinen Bingozettel habe ich mich gar nicht mehr weiter gekümmert.
Auf der zweiten Party, organisiert vom International Office, stehen leichtere Gesprächsthemen im Fokus. Mit meinem Krümelmonsterkostüm darf ich viele Fotos mit den Japanerinnen machen, denn der blaue, keksliebende Kerl ist in Japan mindestens genauso so bekannt wie bei uns in Deutschland. Rede ich jedoch mit anderen Asiaten über mein Kostüm, ernte ich nur ein Schulterzucken, „Cookie Monster, what is that?“. Im Anschluss an die Party gehen wir noch zum größten Wohnheim am Campus, bevor der Großteil weiter zu den Clubs in Nagoyas Innenstadt zieht. Da mich deren Preispolitik, 20 bis 25 € Eintritt mit zwei Getränken inklusive, immer noch nicht ganz überzeugt hat, bleibe ich noch mit ein paar Leuten dort. Auf unserem Heimweg gegen vier Uhr morgens, treffen wir dann auch noch die Ersten, die vom Club zurückkommen und eher wenig zufrieden aussehen, alles richtig gemacht.
Der nächste Tag fällt somit zwangsläufig etwas kürzer aus, ich nutze ihn effektiv und frühstücke gleich zwei Mal. Zur zweiten Runde schaut Vincent, der in Mainz Physik und Mathe studiert, bei mir vorbei. Das Frühstück aus Brot und Rührei mag zunächst recht schlicht klingen. Jedoch handelt es sich um Brot nach bester deutscher Backkunst, was in Japan als absolute Rarität einzustufen ist. Da jedoch seine Eltern zurzeit in Tokyo leben, hat er mit seiner Mutter eine verlässliche Quelle, um diesen Engpass an Grundnahrungsmitteln zu überstehen. Schlicht ist manchmal auch am besten.
Ein weiterer Punkt auf meiner Japan-to-Do-Liste ist es, durch die vielen japanischen exklusiven Releases an Schalplatten und CDs zu stöbern. Vor ein paar Wochen habe ich schon von der britischen Band Foals eine exklusive EP bei amazon.co.jp erstanden, an diesem Sonntag begebe ich mich hingegen ganz klassisch auf die Suche nach einigen Plattenläden in Nagoya. Schon beim ersten Laden stelle ich fest, dass die Japaner es mit dem Ausdruck „record store“ wörtlicher nehmen als die Europäer und alle Arten von Tonträger einschließen. In Deutschland hätte ich mindestens 50% Schallplatten erwartet, zumindest in Nagoya verhält es sich in allen Läden, die ich besuche, eher 20 % LPs zu 80% CDs. Außerdem fällt auf, dass gerade Jazz bei den LPs wesentlich mehr vertreten ist als bei uns. Auch sind erwartungsgemäß J-Pop (Japanischer Pop) und EDM (Elektronic Dance Music), als die vermutlich beliebtesten Genres in Japan, bestens vertreten. Fündig werde ich schließlich bei Sound Bay in der Nähe vom Bahnhof Kanayama, einem vergleichsweise großen, wenn auch gut versteckten Laden, in dem sich allerlei Genres finden lassen. So fällt mein Blick auch auf das zweite Solo-Release vom Radiohead Frontmann Thom Yorke. Dieser ist unter anderem für seine individuelle Preispolitik bekannt, der einfache Download des Albums kostet lediglich um die 8€, die LP Version jedoch um die 45€. In Japan hingegen gibt es auch eine CD Version im schicken Box-Set für nur 26€, da muss ich nicht lange überlegen und schlage gleich zu. Wieder einen Punkt auf der Liste zum Abhaken.








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