Montag, 26. Oktober 2015

Von Träumen großer und kleiner Jungs


Als Freund des deutschen Fußballs hat man es in Japan nicht gerade leicht. Nach der Umstellung der Uhren in Deutschland auf die Winterzeit beträgt die zeitliche Differenz zwischen Berlin und Tokyo nun bereits acht Stunden. Damit beginnen die Samstagsspiele der Bundesliga in Japan erst um halb zwölf in der Nacht, die Sportschau erst um halb drei morgens. Also zu keiner Zeit, an der sich ein normal denkender Mensch vor den Fernseher respektive Laptop setzten würde. Was ist also die Lösung des Problems? Alternativ doch einfach mal nicht vorm Bildschirm hocken und in das nächstgelegene Stadion gehen. In meinem Fall ist dies sogar nur zwei U-Bahn-Stationen entfernt, sodass ich mich mit Daniel und den beiden Schweden Frederik und Michael am Samstagmittag zu eben diesem auf den Weg mache. Schon im Vorfeld fragen wir uns natürlich, wie das wohl aussehen wird, Japaner im Stadion, das Bild von in schwarzen Kapuzenpullis vermummten Ultras passt zumindest in unserer Vorstellung nicht wirklich zum Durchschnittsjapaner. 

Als wir an der Stadionhaltestelle aussteigen, sieht es auch noch nicht groß anders aus als sonst, jeder bahnt sich ganz ruhig seinen Weg durch die Menschenmassen. Allein fällt auf, dass bereits merklich viele Leute in Rot und Orange gekleidet sind, den Farben von „Nagoya Grampus“, Nagoyas Repräsentant in der „J1 League“, der ersten japanischen Fußballliga. Am Stadion angekommen sind wir nicht schlecht erstaunt, als wir die Menge an Leuten erblicken, die sich durch die Stadiontore zwängen. Daher bekommen wir auch keine Karten mehr für den Heimblock und müssen mit der Gegengerade vorlieb nehmen, auch nicht schlecht. Mit 12.000 Besuchern ist das Stadion zwar nur zur Hälfte ausverkauft, aber dennoch sehen die Ränge um uns herum gut gefüllt aus. Beim Blick auf die Fanblöcke lassen sich immer noch keine typischen „Problemfans“ erblicken, obgleich auf den aufgehängten Transparenten GRAMPUS ULTRAS zu lesen ist. Eher sieht es danach aus, als ob das gesamte Stadion ein einziger Familienblock sei, alle sind bester Laune und unterhalten sich ruhig mit ihren Nachbarn bei bestem Sonnenwetter. Dann, als die Mannschaften einlaufen, setzten schlagartig aus dem Nichts die Fangesänge ein, welche sich keineswegs hinter denen der deutschen Stadien verstecken müssen. Auf einmal ist die erhoffte Stimmung da und überträgt sich auch gleich auf das Spiel, in dessen Anfangsphase sich sowohl Nagoya als auch sein heutiger Gegner „Albirex Niigata“ (einer 800.000 Einwohner Stadt 200 km nördlich von Tokyo) darum bemühen, die Kontrolle über das Spiel zu gewinnen. Auffällig für Daniel und mich ist dabei Nagoyas Stürmer mit der Nummer 18, Milivoje Novakovič, ein alter Bekannter aus der Bundesliga. Von 2006 bis 2014 hat er unter anderem zusammen mit Lukas Podolski erfolgreich für den 1. FC Köln gestürmt, von den Japanern wird er entsprechend dem eigenen Silbenalphabet liebevoll ノヴァコヴィッチ/ Novakovicchi genannt und bei jeder Ballberührung werden slowenische Fahnen im Fanblock geschwenkt. Dennoch, trotz der vielen Bemühungen zum Beginn der ersten Halbzeit steht es kurz vorm Ende der ersten Hälfte immer noch 0:0, bis dann in der 45. Minute Niigata mit einem 0:1 in die Pause geht. Die zweite Hälfte beginnt wesentlich unkontrollierter als die Erste, das Spiel ist von Individualfehlern bestimmt, die vielleicht noch in einem schlechten Spiel der dritten Liga bei uns durchgehen würden. Das heißt jedoch nicht, dass es nicht noch ein paar Tore zu sehen gibt. Mit einem Doppelschlag in der 71. und 74. Minute dreht Nagoya das Spiel und übernimmt die Führung, um diese gleich vier Minuten später wieder aus der Hand zu geben, es steht 2:2, wieder alles auf Ausgangsposition. In der 85. Minute wird es dann nochmal spannend, in Niigatas Strafraum wird ein Grampusspieler zu Fall gebracht, da gibt es keine große Diskussion (nicht, dass von den japanischen Spielern überhaupt jemals einer etwas reklamieren würde), es gibt Elfmeter, der auch zielsicher verwandelt wird. Die finale Entscheidung fällt dann in der vierten Minute der Nachspielzeit, als Kensuke Nagai mit dem 4:2 für Nagoya den Sieg sichert. Beide Fangruppen haben bis dahin 90 Minuten lang ununterbrochen Stimmung gemacht. Mit dem Schlusspfiff ist dann aber auch wieder schlagartig Ruhe im Stadion. Es wird noch gründlich von allen aufgeräumt und danach genauso friedlich nach Hause gegangen, wie man auch gekommen ist. Da darf man sich bei uns in Europa gerne mal eine Scheibe von abschneiden.

Für den Rest vom Samstag nutze ich noch mein U-Bahn-Tagesticket aus und fahre nach Sakae, um etwas Einkaufen zu gehen. Mein erstes Ziel ist es, ein Halloweenkostüm für die Party in der kommenden Woche zu finden. Gute Erfolgschancen bietet dafür „Don Quichotte“, ein Kaufhaus, das beim ersten Anblick mehr an eine Mischung aus Restwarenladen und Jahrmarkt erinnert. Im Inneren lässt sich dann aber alles von internationalen Süßwaren und Spirituosen bis zu Kochgeschirr von Tefal finden und eben auch Halloweenkostüme. Nach einem kurzen Abgleich der Preise entscheide ich mich dafür, keine 40€ für ein liebloses Vampir- oder Mario-Kostüm auszugeben, sondern bleibe minimalistisch und kaufe nur eine Krümelmonster-Mütze. Passend dazu gibt es zwei Regale weiter auch noch einige Sorten an Keksen, nicht dass ich auf der Party noch Hunger bekomme. Nachdem somit die Hauptaufgabe erfüllt ist, mache ich mich auf den Weg zu meinem zweiten Ziel. Dafür betrete ich erst das Erdgeschoss eines durchaus nobleren Kaufhauses, in dem einem sofort der Geruch der Kosmetikabteilung entgegenschlägt, sobald man durch die Eingangstür schreitet. Auf meinem Weg nach oben passiere ich noch einige Modedesignerläden der Oberklasse, bis ich im vierten Stock plötzlich in der Spielwarenabteilung lande. Gut so, es wird schon wärmer. Nach ein paar weiteren Schritten erreiche ich mein Ziel, das Pokémon-Center von Nagoya. Ein Muss für alle, die ihre Grundschulzeit um die Jahrtausendwende verbracht haben! Es gibt hier alles, was man sich mit 10 Jahren gerne einmal zum Geburtstag gewünscht hätte, vom aktuellsten Pokémon-Videospiel bis zum Pokémon-Kuscheltier. Fast überall ist Pikachu wiederzufinden und permanent läuft die Musik, die auch im Videospiel beim Betreten der dortigen Pokémoncenter ertönt, hier zum Glück aber höher quantisiert als mit 8 Bit. Ich entschiede mich, getrieben von Nostalgie, eine in Pastellfarben gehaltene Pikachu-Keksdose zu kaufen, die bestimmt auch eine gute Teedose abgeben wird. Dazu gibt es noch ein Boosterpack Sammelkarten, welche hier wohlbemerkt mit umgerechneten 1,50€ wesentlich günstiger sind, als das, was es damals an Taschengeld gekostet hat. Generell ist Pokémon in Japan nach wie vor ein ungebrochener Verkaufsschlager, der immer noch jung und nicht mehr ganz so jung anzieht. Es kommen regelmäßig Kinofilme heraus und auch das Sammelkartenspiel wird mit allerlei regionalen und nationalen Meisterschaften weiterhin rege betrieben. An der Kasse werden schließlich meine Einkäufe gewissenhaft eingepackt, die Plastiktüte ist natürlich auch gelb und mit Pikachu bedruckt.

Gut ausgeschlafen wird am Sonntagmorgen die Erschließung der Region rund um Nagoya weiter vorangetrieben. Zusammen mit Daniel und Zichen, die eigentlich aus China kommt, aber zusammen mit mir in Braunschweig studiert, mache ich mich auf den Weg zum alten Expo-Gelände nordöstlich von Nagoya. Dort gastiert gerade eine Ausstellung von Studio Ghibli, Japans bekanntestem und Oscar prämiertem Anime-Studio. Allein unter den Top 250 der besten Filme aller Zeiten der Internet Movie Database (IMDb) lassen sich sechs Filme aus dem Hause Ghibli finden. Unter anderem „Prinzessin Mononoke“ und „Mein Nachbar Totoro“. Um zum Expo-Gelände zu gelangen, nehmen wir erst die U-Bahn und danach noch eine autonom fahrende Hochbahn, die extra zur Expo 2006 eingeweiht wurde. Dank Zischens Japanisch-Kenntnissen bekommen wir am Ticketschalter sogar Sondereditionen als Fahrkarten, welche mit Motiven aus den Filmen von Ghibli bedruckt sind, in Japan könnten diese einmal zu Sammlerschätzen werden. Den Großteil der Ausstellung bildet der Pavillon zu Ghiblis neuestem Film „When Marnie was there“, welcher auf einer britischen Romanvorlage basiert. In dem Film geht es um ein junges, zurückhaltendes Mädchen, welches nicht so recht seinen Platz in der Welt findet, in die es hineinwächst. Klingt für einen Europäer erstmal nach einer Kindergeschichte, ist aber aus japanischer Sicht eine beliebte Erzählperspektive, um im Allgemeinen Geschichten zu erzählen und auch um ein wenig an der Gesellschaft Kritik zu üben. Fasziniert betrachten wir die ausgestellten Zeichnungen und Skizzen, die für den Film angefertigt wurden und in ihrem Detailreichtum erstrahlen. Auch sind einige Arbeitsplätze der Zeichner im Original ausgestellt, bei deren Betrachtung es noch unmöglicher erscheint, dass mit ein paar Pinseln und Farben diese filigranen und farbenprächtigen Bilder entstehen können. Die Spitze der Liebe für das Detail bildet schließlich ein Nachbau des Marschhauses, welches im Film eine zentrale Rolle einnimmt. Für dessen Entwurf haben die Mitarbeiter des Studios einige Häuser aus Hokkaido als Vorlage genommen und aus diesen ein vollständiges Modell im Maßstab 1:10 nach allen Regeln der Architektur gebaut. Begründung für diese Bemühung ist, dass jede einzelne Person, die am Film mitarbeitet, einen genauen Eindruck vom Marschhaus bekommen sollte. Außerdem konnten anhand des Modelles die Lichtverhältnisse im und um das Haus herum exakt simuliert werden. Auch ist in der Ausstellung das Zimmer von Marnie aus dem Marschhaus eins zu eins (wirklich 1:1!) nachgebaut. Jetzt ist mir auch klar, weshalb die Filme von Ghibli immer so real wirken. Abschließend drehen wir noch eine Runde über das grün angelegte Expo-Gelände, auf dem sich noch ein paar weitere Referenzen zu Ghibli-Filmen finden lassen. Auf der Rückfahrt schlage ich dann bei Wikipedia nochmal nach, wann „Chihiros Reise ins Zauberland“, mein erster Film, den ich von Ghibli im Kino gesehen habe, in Deutschland angelaufen ist. Zu meiner Verwunderung stelle ich fest, dass dies schon im Sommer 2003 gewesen ist, da war ich gerade einmal zwölf geworden. Manches aus der japanischen Kultur begleitet mich also schon länger als gedacht.


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