Montag, 12. Oktober 2015
Bürokratiefeuerwerk
Noch keine ganze Woche in Japan und schon muss man um halb acht aufstehen … was soll’s, muss ich mich ohnehin bald wieder dran gewöhnen. Grund für den Schlafentzug ist die Einführungsveranstaltung der internationalen Studierenden. Eine alles in allem recht lahme Begebenheit, bei der uns wie in der Schule nochmal einzeln im Wortlaut die Inhalte der ausgehändigten Infomaterialien vorgelesen werden. Schon jetzt zeigt sich der Unterschied zu unserem, in der Lehre der Studenten und Professoren freien, Hochschulsystem. Alles ist wesentlich angeleiteter, es gibt Anwesenheitspflicht und der finale Stundenplan muss immer noch von einem betreuenden Professor abgesegnet werden.
Nach einer Woche voller Formalien und Behördengänge ist das Wochenende zum Glück schnell erreicht. Am Samstagmorgen besuche ich zunächst den Atsuta-jingū, den größten Shintoschrein in Nagoya. Umgeben von einer großen Parkanlage lässt es sich angenehm im Schatten über die vielen größeren und kleineren Pfade des Geländes schlendern. Erbaut wurde der Schrein nur einige hundert Jahre nach Christus und, wie in großen Schreinen üblich, werden gleich mehrere Götter verehrt. In diesem Fall gleich über 16 Millionen. Zumindest lässt sich dies bei Wikipedia nachlesen, denn trotz seiner Bekanntheit als eine der größten Sehenswürdigkeiten Nagoyas, lässt sich keine einzige Information auf Englisch finden. Danach treffe ich mich mit Daniel im nahegelegenen Stadtteil Sakae, welcher auch als Nagoya-Downtown bezeichnet werden kann. In Sakae befinden sich allerlei Clubs, Kaufhäuser, (Karaoke-) Bars und weitere Besonderheiten. Es lassen sich dort somit problemlos einige Stunden verbringen, ohne eine genaues Ziel vor Augen haben zu müssen. Nachdem wir genug gesehen haben, treffen wir uns am nächsten Bahnhof mit drei weiteren Austauschstudenten. Wir fahren mit dem Zug nach Konan, einem größeren Vorort von Nagoya, in dem an diesem Abend eines der größten Feuerwerke der Präfektur Aichi stattfinden wird. Schon am Bahnhof in Konan verdichtet sich die Menschenmasse und am Festareal angekommen lässt sich die Besucherzahl auf 15.000 bis 20.000 schätzen. Das Feuerwerk überzeugt dann auf voller Länge, 45 Minuten lang steigern sich die Effekte und Explosionen immer weiter, weitaus größer und vielseitiger als ich es von den Abschlussfeuerwerken der Kieler Woche gewohnt bin. Das Finale bilden schließlich Choreografien zu den Filmen Terminator, Star Wars, Mission Impossible und Jurassic Park. Bei letzterem fliegt sogar ein Archeopterix aus Feuer an der Menge vorbei. Die Fahrt raus aus Nagoya hat sich gelohnt.
Am nächsten Morgen scheint zwar nicht die Sonne, aber trotzdem lässt der Tag sich für einen Ausflug nutzen. Daniel und ich wollen uns den Hafen von Nagoya angucken. Genauer gesagt das für Besucher zugängliche Ende des Hafens, welcher sich weit entlang der Bucht erstreckt. Hauptbestandteil des Besucherbereiches bildet das Aquarium, welches mit Orcas als Hauptattraktion wirbt. Da die Eintrittspreise jedoch relativ hoch sind und ich auch von der Haltung der Orcas in Gefangenschaft nicht viel halte, betrachten wir das Aquarium nur von außen und erkunden den Rest des Hafens. Dies ist relativ schnell erledigt, da es außer einem in die Jahre gekommenen Aussichtsturm in Form einer Schiffsbrücke und einem kleinen Vergnügungspark nicht viel zu sehen gibt. Wir lassen also den Hafen weiter vor sich hin schlafen und machen uns noch einmal auf den Weg in Richtung Downtown. Dort erschließen wir uns die Straßen erstmals zu Fuß, um nicht immer nur unterirdisch durch die Stadt zu rauschen. So treffen wir auch auf zwei gut 500m lange, überdachte Einkaufsstraßen etwas außerhalb von Sakae im Stadtteil Fushimi. In diesen Straßen lassen sich allerlei sinnvolle und weniger sinnvolle Waren finden. Vom Halloween-Kostüm bis zum High-End Plattenspieler ist alles vorhanden. Die Straßen sind dabei so dicht bevölkert, dass uns sogar einmal der Geruch von Gras durch die Nase zieht. Dabei ist der Konsum von Marihuana in Japan streng unter Strafe gestellt und reicht alleine schon aus, um mit einer Gefängnisstrafe geahndet zu werden. Aber in der dichten Menschenmassewäre eine Identifikation jenes Kleinkriminellen wohl eher schwierig geworden. Ich merke mir noch schnell die Position einiger Plattenläden, die wir passiert haben. Für die muss ich mir nochmal einen ganzen Tag lang zeitnehmen.
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