Freitag, 16. Oktober 2015

Arcade Friday


Eigentlich bräuchte ich nach der ersten Woche in Japan schon gleich eine Runde Erholungsurlaub, um all die Eindrücke zu sortieren, in einem Kloster in den Japanischen Alpen vielleicht. Aber solch eine Pause ist mir nicht gegönnt. Zweite Woche in Japan und schon gehen die Vorlesungen los. Ich habe mir einen bunten Mix aus für mich fachlich relevanten Vorlesungen, einigen aus anderen Bereichen des Ingenieurswesens und ein paar Kursen zusammengestellt, die sich primär mit Japan befassen. So bekomme ich zum Beispiel endlich einmal die Gelegenheit, mich mit Quantenkommunikation zu befassen, was ich eigentlich auch schon in Braunschweig hätte machen können, wenn sich die Professoren nicht immer verplappert hätten und wir daher das Thema am Semesterende nie geschafft haben. Im Kurs über International Migration Theory kann ich mich hingegen mit der Frage beschäftigen, weshalb sich der japanische Staat so schwer tut, ausländische Fachkräfte für den eigenen Arbeitsmarkt anzuwerben. Die erste Hürde ist jedoch, die Räume bzw. zunächst die Gebäude zu finden, in denen die jeweiligen Vorlesungen stattfinden. Warum der „Room 342“ die Raumnummer 443 besitzt und somit in der vierten und nicht in der dritten Etage ist, erschließt sich mir zum Beispiel immer noch nicht ganz.

Am Ende habe ich es aber zu allen Vorlesungen geschafft und kann somit beruhigt ins Wochenende starten. Mit mittlerweile schon gewohnter Routine nehmen wir in einer kleinen Gruppe die U-Bahn nach Sakae. Heute im Programm, eine kleine Bar in der es allerhand Videospiele geben soll, klingt super. Nach kurzer Suche finden wir dann auch in einer kleineren Nebenstraße eine Kellertreppe, die uns zur Bar geleitet. Erster Eindruck: Wirklich nicht groß hier, vielleicht vier mal acht Meter. Zweiter Eindruck: Hier gibt es mehr Videospielekonsolen, als ich an einem schon etwas angetrunkenen Freitagabend hätte aufzählen können. Von Nintendos Entertainment System (schon 1983 in Japan erschienen)  über Segas Megadrive (1988) bis hin zu Sonys Playstation 3 (2006) ist alles dabei. Dass die Wände zudem entweder aus Regalen mit alkoholischen Spezialitäten oder Spielehüllen bestehen, lässt die Phantasie vielleicht schon vermuten. Zum Start gibt es eine Runde Super Smash Brothers Meele und Heineken, welches leider wieder daran erinnern lässt, dass japanisches Bier halt doch nicht wie europäisches schmeckt. Direkt danach geht es mit einer klassischen Runde Bomberman auf dem NES weiter, bevor zum Abschluss noch eine Runde Mario Kart Double Dash gespielt wird. Zwischendurch gibt es auch noch ein, zwei Gin Tonic. Noch immer ein wenig in Kindheitserinnerungen schwelgend, kehren wir zufrieden zurück nach Hause.

Den nächsten Tag wollen wir zum Ausgleich in der Natur verbringen, bzw. so weit im Grünen, wie es eine Millionenmetropole wie Nagoya zulässt. Zusammen mit Daniel mache ich mich auf den Weg zum nahe gelegenen Higashiyama Park - einer Kombination aus botanischem Garten, Zoo und Freizeitpark. Zwar ist Anfang Oktober nicht die optimale Jahreszeit, um den botanischen Garten zu besuchen, es ist weder Kirschblütenzeit, noch färbt sich das Laub zu den „Autumn Colours“, dennoch lässt einem das Grün einen Gang runter schalten. Besonders interessant ist der Bereich des botanischen Gartens, der im japanischen Stil gehalten ist. Kernstück bildet ein traditionelles japanisches Haus, das wie jene bei uns in Norddeutschland mit Reet gedeckt ist. Ebenfalls schön anzusehen ist das Tropenhaus, in dem allerlei Pflanzen wachsen, von denen ich denken würde, dass diese auch im japanischen Sommer problemlos in freier Natur wachsen könnten, so feucht und warm wie es dann ist.  Weitaus weniger erfreulich ist dann der zoologische Teil. Zum einen sieht der Zoo zwar sauber aus, aber nach europäischen Maßstäben hätte er schon vor gut zwanzig Jahren renoviert werden müssen. Dieses Verständnis von Sauberkeit lässt sich aber in ganz Japan wiederfinden. Solange kein Dreck rumliegt, ist alles bestens, dass mit einem neuen Anstrich vieles zumindest für das europäische Auge gleich hübscher aussehen würde, ist für viele Japaner eher unverständlich. Zum anderen fallen die Gehege der Tiere bedrückend klein aus. Jenes des auch in Deutschland als charismatisch verehrten Gorillamännchens Schibani ist dabei noch am großzügigsten. Kaum zu ertragen ist dann der Anblick eines Mandrillen (Ein Affe wie Rafiki aus dem König der Löwen), welcher keine 10 m² Platz hat in seinem Gehege, da vergeht mir doch recht schnell die gute Laune. Der kleine Freizeitpark entspricht dann ebenfalls dem zuvor genannten Muster von Sauberkeit und Renovierungsbedürftigkeit. Zudem muss für die Attraktionen noch jeweils einzeln gezahlt werden. Fazit: Den botanischen Garten werde ich im Herbst nochmal besuchen, den Rest können sie von mir aus dicht machen.

Am Abend gehen wir dann nochmal in der Gruppe vom Freitag Pizza essen. Nochmal, da wir schon am Freitag eine kleine „Pizza“ hatten, die wir in einer zugegeben eher als Bar zu klassifizierenden Lokalität probiert hatten. Da uns aber sowohl Größe als auch Geschmack nicht zufrieden gestellt hatten, nehmen wir nun einen neuen Anlauf. Danielo, ein Austauschstudent aus Italien, hat bei seinem ersten Aufenthalt in Nagoya bereits eine Pizzeria gefunden, die er für gut befunden hat (Wenn ein Italiener das sagt, muss es ja stimmen). Die Pizza hält dann auch, was Danielo versprochen hat, knusprig kommt sie aus dem Steinofen, fast so wie in Italien. (Warum wir nun in Japan unbedingt Pizza essen müssen, ist an dieser Stelle lieber nicht zu hinterfragen). Zuletzt gehen wir noch in einen britischen Pub, in dem gerade das Spiel Samoa – Schottland der Rugby-WM von einigen Japanern aufmerksam verfolgt wird. Ich kann sofort mit meinem erst kürzlich von meinem Tutor Matchy (jeder int. Stundet bekommt einen japanischen als Ansprechperson zugeteilt) erworbenen Rugbywissen glänzen. Wenn Samoa gegen Schottland gewinnt, hat Japan in seinem letzten Spiel gegen die USA noch eine Chance auf das Weiterkommen. Am Ende gewinnen leider die Schotten, trotzdem bleibt Japan der Erfolg, in einem seiner Gruppenspiele die legendären Springbocks aus Südafrika geschlagen zu haben. 

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