Montag, 9. November 2015
Gero
Nach einer entspannten Uniwoche beginnt mein Wochenende damit, dass ich einer Einladung von Masayuki, dem Tutor aus meinem Labor, nachkomme und mich am Samstagmorgen zu einem Parkplatz unweit des Campus aufmache. Dort versammeln sich auch schon die anderen Bachelor- und Masterstudenten des Labors, insgesamt 15 an der Zahl, alle mehr oder weniger wach. Ich bin eingeladen worden, mit auf einen Ausflug nach Gero zu kommen, einer der bekanntesten Städte in der Region um Nagoya in Bezug auf Onsen, heiße Quellen, in denen gebadet wird. (Für den Fall, dass der Stadtname einmal ohne ausreichenden Kontext gegenüber einem japanischen Muttersprachler benutzt werden sollte, sei gesagt dass Gero auch als speien oder kotzen übersetzt werden kann.) In einer Kolonne von vier Autos machen wir uns auf den Weg über den japanischen “Expressway“, zwei Spuren mit 80km/h als Höchstgeschwindigkeit mögen individuell beurteilt werden. Die Zeit nutzen wir zum einen, um uns über das japanische und deutsche Straßenwesen auszutauschen - es gibt in Japan separate Führerscheine für Automatik und manuelle Getriebe - und zum anderen bekomme ich einige neue Vokabeln beigebracht, manche mehr, manche weniger für den Alltag geeignet. Nach ca. einer Stunde legen wir in den Bergen einen Zwischenstopp ein.
Montag, 2. November 2015
Halloween lite
Eigentlich laufen alle meine Vorlesungen ja schon seit gut einem Monat, alle Vorlesungen? Nicht ganz, die Vorlesung „Introduction to Civil Engineering and Architecture“ beginnt erst an diesem Freitag. Der Grund lässt sich darin finden, dass die Vorlesung vorranging aus Exkursionen besteht, die dann auch mal etwas länger als 90 Minuten dauern können, sodass nicht jede Woche Unterricht ist. Insbesondere mit Blick auf den zweiten Bestandteil, Architecture, bin ich auf die Vorlesung gespannt, da mich gelegentlich immer noch der Gedanke umtreibt, was denn wohl aus mir geworden wäre, wenn ich meine letztlich zweitplatzierte Option, Architektur zu studieren, wahr gemacht hätte. Mit diesem Teil der Vorlesung beginnen wir dann auch gleich an diesem Freitagmittag, an dem wir mit gut 25 Leuten zur Burg von Nagoya fahren. An sich bin ich, wie viele der anderen Studenten auch, schon in der Burg gewesen, da sich aber dort, wie anders wo auch, die englischen Informationstafeln auf das Geringste beschränkt haben, bin ich gespannt, ob ich heute noch etwas Neues über die Architektur Japans aus dem vorindustriellen Zeitalter lernen kann. Angekommen an der Burg werden wir in drei Gruppen aufgeteilt und bekommen einen Guide zugewiesen. Wie an vielen Touristenattraktionen in Japan üblich, handelt es sich um Mitglieder eines „Senior Volunteers Clubs“, einem Verein von älteren Bewohnern der Stadt, die Führungen anbieten, die wohlbemerkt kostenlos sind. Langsam ziehen wir los über das Gelände und bekommen schon eine Vielzahl von kleinen, für uns sonst unscheinbar gebliebenen, Dingen erklärt und das auch noch in absolut verständlichem Englisch, obwohl der freundliche ältere Herr, der uns begleitet, schon bestimmt um die 70 bis 80 Jahre alt sein könnte. Der Fokus liegt am heutigen Tag aber gar nicht auf den Befestigungsanlagen der Burg, sondern auf dem „Hammaru Palast“ im Inneren. Wie auch der Rest der Burg, wurde der Palast im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört und befindet sich immer noch im Wiederaufbau, die ersten Abschnitte sind jedoch schon wieder zugänglich.
Montag, 26. Oktober 2015
Von Träumen großer und kleiner Jungs
Als Freund des deutschen Fußballs hat man es in Japan nicht gerade leicht. Nach der Umstellung der Uhren in Deutschland auf die Winterzeit beträgt die zeitliche Differenz zwischen Berlin und Tokyo nun bereits acht Stunden. Damit beginnen die Samstagsspiele der Bundesliga in Japan erst um halb zwölf in der Nacht, die Sportschau erst um halb drei morgens. Also zu keiner Zeit, an der sich ein normal denkender Mensch vor den Fernseher respektive Laptop setzten würde. Was ist also die Lösung des Problems? Alternativ doch einfach mal nicht vorm Bildschirm hocken und in das nächstgelegene Stadion gehen. In meinem Fall ist dies sogar nur zwei U-Bahn-Stationen entfernt, sodass ich mich mit Daniel und den beiden Schweden Frederik und Michael am Samstagmittag zu eben diesem auf den Weg mache. Schon im Vorfeld fragen wir uns natürlich, wie das wohl aussehen wird, Japaner im Stadion, das Bild von in schwarzen Kapuzenpullis vermummten Ultras passt zumindest in unserer Vorstellung nicht wirklich zum Durchschnittsjapaner.
Donnerstag, 22. Oktober 2015
Im Japanischem Gourmet-Himmel
Bis jetzt habe ich mich nur durch die durchschnittliche japanische Küche probieren können. Etwas Sushi vom Konbini, welches allerdings schon so gut wie im deutschen Sushi-Restaurant schmeckt, ein wenig Tonkatsu (japanisches Schnitzel) und Nudelsuppen aus der Mensa gab es schon. An diesem Mittwoch bin ich jedoch zu einer Welcome-Party von meinem Labor in einem japanischen Restaurant eingeladen. Denn alle Austauschstudenten bekommen einen Professor und einen Studenten aus einem der Labore des entsprechenden Fachbereiches als Ansprechperson zugewiesen. In meinem Fall ist dies das Labor von Professor Katayama, welches primär an Visible Light Communication und kabellosen Sensornetzwerken forscht, also auch nicht unbedingt Themen, mit denen ich mich bisher beschäftigt hätte. Ich treffe mich im Labor mit den Studenten, inklusive meines Tutors Masayuki, und wir ziehen gemeinsam mit gut zehn Leuten eine U-Bahn-Station weiter zu einem kleinen unscheinbaren Restaurant im Kellergeschoss, in dem auch der letztjährige Physiknobelpreisträger und Professor an der Universität Nagoya Hiroschi Amano regelmäßig einkehren soll.
Freitag, 16. Oktober 2015
Arcade Friday
Eigentlich bräuchte ich nach der ersten Woche in Japan schon gleich eine Runde Erholungsurlaub, um all die Eindrücke zu sortieren, in einem Kloster in den Japanischen Alpen vielleicht. Aber solch eine Pause ist mir nicht gegönnt. Zweite Woche in Japan und schon gehen die Vorlesungen los. Ich habe mir einen bunten Mix aus für mich fachlich relevanten Vorlesungen, einigen aus anderen Bereichen des Ingenieurswesens und ein paar Kursen zusammengestellt, die sich primär mit Japan befassen. So bekomme ich zum Beispiel endlich einmal die Gelegenheit, mich mit Quantenkommunikation zu befassen, was ich eigentlich auch schon in Braunschweig hätte machen können, wenn sich die Professoren nicht immer verplappert hätten und wir daher das Thema am Semesterende nie geschafft haben. Im Kurs über International Migration Theory kann ich mich hingegen mit der Frage beschäftigen, weshalb sich der japanische Staat so schwer tut, ausländische Fachkräfte für den eigenen Arbeitsmarkt anzuwerben. Die erste Hürde ist jedoch, die Räume bzw. zunächst die Gebäude zu finden, in denen die jeweiligen Vorlesungen stattfinden. Warum der „Room 342“ die Raumnummer 443 besitzt und somit in der vierten und nicht in der dritten Etage ist, erschließt sich mir zum Beispiel immer noch nicht ganz.
Montag, 12. Oktober 2015
Bürokratiefeuerwerk
Noch keine ganze Woche in Japan und schon muss man um halb acht aufstehen … was soll’s, muss ich mich ohnehin bald wieder dran gewöhnen. Grund für den Schlafentzug ist die Einführungsveranstaltung der internationalen Studierenden. Eine alles in allem recht lahme Begebenheit, bei der uns wie in der Schule nochmal einzeln im Wortlaut die Inhalte der ausgehändigten Infomaterialien vorgelesen werden. Schon jetzt zeigt sich der Unterschied zu unserem, in der Lehre der Studenten und Professoren freien, Hochschulsystem. Alles ist wesentlich angeleiteter, es gibt Anwesenheitspflicht und der finale Stundenplan muss immer noch von einem betreuenden Professor abgesegnet werden.
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